Angesichts der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Dynamik des letzten Jahrzehnts (oder, um es ganz offen zu sagen, "das Ende der Welt, wie wir sie kennen") wird immer deutlicher, dass der Imperativ des ständigen Wachstums und der Entwicklung keine nachhaltige Vision für unsere Zukunft mehr ist, wenn wir überhaupt eine haben wollen.

Doch während immer mehr Einzelpersonen zu dieser Erkenntnis kommen, scheinen die großen Systeme, die unsere Welt und unsere Gesellschaften regieren, weniger bereit zu sein, ihr Verhalten zu ändern. Manchmal fühlt es sich so an, als wären wir in einer Strömung gefangen, gegen die es sinnlos ist zu kämpfen, aber das Schwimmen stromaufwärts scheint wichtiger denn je zu sein, da wir keine Zeit zur Verfügung haben, wie es normalerweise für solche grundlegenden kulturellen Wenden nötig wäre.

Die Rolle der Kunst in diesem Zusammenhang ist problematisch: Soll sie als Mittel zur Sensibilisierung dienen, um Empathie für ein tieferes Verständnis dieser Fragen zu entwickeln? Oder wäre das eine Einschränkung der künstlerischen Freiheit und eine Einladung zur Propaganda? Ist Kunst ein Luxus der entwickelten Welt, der als erstes abgeschafft werden sollte, wenn wir unseren Konsum reduzieren und unsere materiellen Bedürfnisse einschränken? Oder ist sie im Gegenteil das wichtigste Werkzeug, um in einer ansonsten hoffnungslosen und beängstigenden Welt zu überleben und unsere Hoffnungen aufrechtzuerhalten?

Die OSTRALE Biennale in Dresden ist die drittgrößte internationale Ausstellung für zeitgenössische Künste in Deutschland, die seit 2007 jährlich in den Sommermonaten stattfindet und im Jahr 2017 zur Biennale überging. Sie ist keine Verkaufsausstellung per se, was ihr die Freiheit gibt, abseits des Marktgeschehens gesellschaftlich relevante Themen zu diskutieren.

Als Raumpionier öffnet die OSTRALE leerstehende Industrie- und Kulturbrachen. Die Ausstellungen fanden bisher an verschiedenen Schauplätzen des ehemaligen Schlachthofkomplexes im Ostragehege in Dresden sowie an ähnlichen postindustriellen Orten in ganz Europa statt. Nach Verlassen des Ostrageheges wurde die OSTRALE Biennale im Jahr 2019 in der Historischen Tabakfabrik f6 im Stadtteil Striesen und an 5 weiteren dezentralen Standorten in Dresden durchgeführt. Diese letzte Ausgabe begrüßte in gut zwei Monaten mehr als 30.000 Besucher, darunter 9.000 Studenten aus Dresden und ganz Sachsen.

Für die OSTRALE Biennale O21 bietet sich den Veranstaltern dank der großzügigen Unterstützung der Immobiliengesellschaft Gerchgroup AG die einzigartige Chance, die Ausstellung im Jahr 2021 erstmals im Herzen Dresdens zu präsentieren. Das Gebäude ist ein Zeitzeugnis der Ostmoderne und ein oft übersehener Teil der Architektur- und Sozialgeschichte der Stadt Dresden.

Die Robotron Kantine ist die ehemalige Betriebsgaststätte und eines der letzten noch stehenden Gebäude des bereits abgerissenen Robotron-Computerfabrikkomplexes, einst ein Kronjuwel der technologischen Innovation, aber auch des architektonischen Optimismus, in Dresden und in der gesamten DDR in den 1960er und 1970er Jahren. Nach der Schließung der Fabrik ist ihr Schicksal jedoch etwas unglücklich verlaufen. Eine Zeit lang diente es als Veranstaltungsort für verschiedene kulturelle Aktivitäten und auch als Proberaum für die nahe gelegene Semperoper, doch in den letzten Jahren stand es in einem immer schlechter werdenden Zustand leer. Die Diskussion um seine mögliche Reaktivierung gewann während der Vorbereitungsphase der Bewerbung Dresdens um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 an Dynamik, in deren Rahmen mehrere neue Konzepte für das Gebäude entwickelt wurden. Nun, da die Stadt Dresden nicht mehr im Wettbewerb um den Titel steht, bleibt die Zukunft der Robotron Kantine ungewiss. Die Öffnung durch Kunst kann den Weg ebnen sie als Kulturstätte neu zu beleben.

Im Jahr 2021 werden erste wichtige Schritte in diese Richtung unternommen, denn die beiden führenden Dresdner Organisationen für zeitgenössische bildende Kunst, das Kunsthaus Dresden und die OSTRALE - Zentrum für zeitgenössische Kunst, führen im und um das Gebäude temporäre Veranstaltungen durch. Zunächst werden vom Kunsthaus Dresden eingeladene KünstlerInnen mit ihrem internationalen Kunstprojekt North East South West die Fassaden und Außenbereiche der Kantine aktivieren. Im Sommer dient die Kantine dann als Hauptort der OSTRALE Biennale O21, die Kunstwerke von rund 160 Künstlern aus aller Welt präsentiert, die von einem internationalen Kuratorenteam aus Kroatien, Litauen und Ungarn ausgewählt wurden, und von den Leiterinnen der OSTRALE begleitet werden.

Ein weiterer wichtiger Veranstaltungsort der OSTRALE Biennale O21 wird die Stadtentwässerung Dresden sein, direkt in der Nähe des OSTRALE-Zentrums in Dresden-Übigau. Die faszinierenden Anlagen werden als spannende Kulisse für die ausgestellten Kunstwerke dienen und Wissenschaft, Industrie und bildende Kunst in einen ungewöhnlichen Dialog bringen. Mit ihrem langjährigen Engagement in Umwelt- und Klimafragen, ihren Programmen zur Einbindung und Aufklärung junger Generationen über den verantwortungsvollen Umgang mit Abwasser und natürlichen Ressourcen ist die Stadtentwässerung Dresden ein natürlicher Partner für das aktuelle Programm der OSTRALE, welches sich auch mit den Fragen unserer Beziehungen zu Flüssen, Wasser, Nachhaltigkeit und den weiteren Zusammenhängen zwischen Gesellschaft, Umwelt und Kunst beschäftigt.

Dieses Thema steht auch im Mittelpunkt von Flowing Connections, einer vom Creative Europe Programm der Europäischen Union kofinanzierten kulturellen Zusammenarbeit, die bei der Umsetzung der OSTRALE Biennale O21 eine entscheidende Rolle spielt, insbesondere wenn es um den kuratorischen Prozess, die Vorbereitung und die Eröffnung der Ausstellung geht. Es ermöglicht eine Auswahl der in Dresden präsentierten Kunstwerke in Budapest (Ungarn), Rijeka/Split/Zagreb (Kroatien) und in der europäischen Kulturhauptstadt Kaunas (Litauen) im Jahr 2022 auszustellen. Parallel begleiten weitere Aktivitäten wie ein Artist in Residence-Programm, Workshops und Symposien zu Fragen der Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Vermittlungsstrategien und Inklusion die Ausstellungen.